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Wie ich Lieder auf der Tanzfläche teste

DJ Tipps
Geschrieben von DJ Rewerb  

Diesen Artikel hatte ich als Blogpost bereits im März 2011 veröffentlicht. Passt besser zu den DJ-Tipps. Das Prinzip die Reaktion deines Publikums zu testen ist weiterhin top-aktuell. Ich mache es jede Nacht.

Im Bayern 3-Interview reden Milk & Sugar über ihre Strategie die Tanzfläche als Versuchslabor für neue Tracks zu verwenden. Funktioniere ein Lied in der Disco nicht, fliegt es nach ihren Erklärungen sofort aus dem Programm. Mich erstaunt es so etwas Selbstverständliches zu hören. Wohl jeder DJ wendet genau die gleiche Methode an, um neue Songs auszuprobieren.

Ja, ich gebe es zu. Auch ich benutze dich auf der Tanzfläche als Versuchskaninchen für neue Songs. Du zeigst mir spontan und sehr direkt, ob dir ein Lied gefällt oder nicht.

Folge dem weißen Kaninchen auf die Tanzfläche

Wenn ich also wissen will, ob ein neues – noch unbekanntes – Lied auf der Tanzfläche funktioniert, dann spiele ich es direkt im Anschluss an einen Floorfiller. Vielleicht auch erst einen Song danach. Auf alle Fälle muss die Tanzfläche voll sein und die Stimmung extrem positiv.

An der Reaktion auf der Tanzfläche kann ich erkennen, ob ein Track überhaupt keine Chance hat oder ob es sich lohnt den Track weiterhin zu pushen. Die Spanne ist dabei relativ weit gefasst. Es gibt Überraschungs-Hits, die sofort einschlagen. Und manche Songs spiele ich ein paar Mal, um zu testen, wie sich die Reaktionen im Zeitverlauf verändern. Ich teste auch immer, wie das Lied bei unterschiedlichen Altersgruppen ankommt.

Diese Tests funktionieren natürlich nicht unbegrenzt. Für die musikalische Programmierung eines Abends habe ich ein paar Grundregeln, an die ich mich halte. Der Rest ist Intuition und Erfahrung. Als Faustregel lassen sich über sieben Stunden Musikprogramm ungefähr zehn neue Lieder testen.

Vermutlich wird jeder DJ eine ähnliche Strategie verfolgen. Und jeder produzierende DJ würde ein unglaubliches Potenzial verschenkten, neue Tracks nicht beim Publikum auszuprobieren.
Erstaunlicherweise gibt es manche Lieder die bereits in der Heavy-Rotation der Radio-Sender laufen und dazu prädestiniert wären auch in den Discotheken erfolgreich zu sein, dort aber gnadenlos floppen. Die letzten Songs von Madonna (alle nach „Hung Up“) gehören in diese Kategorie.

Meine Tests für den WMC 2011 Spin-Off Contest

Ein praktisches Beispiel: Im Januar 2011 stand ich vor der Aufgabe einen Bewerbungs-Mix für den WMC 2011 Spin-Off Wettbewerb einzureichen. Mein Ziel war es das anwesende Publikum bei diesem DJ-Contest mitzureißen. Mit diesem Hintergedanken suchte ich also die Songs heraus, die seit dem letzten Jahr bei jedem Publikum am besten ankommen, nicht tot-gespielt und ungefähr ein halbes Jahr alt waren.

Bis zum Live-Auftritt in Miami hatte ich einen Monat Zeit. In dieser Zeit habe ich bei jedem Gig weiterhin möglichst alle Lieder bei dir getestet. Dabei achtete ich genau auf deine Reaktionen bei den Breaks und wenn der Beat wieder einsetzt. Außerdem ließ ich mir von dir bestätigen, dass meine Songauswahl bei jedem Publikum funktioniert; egal bei welcher Altersklasse oder musikalischem Schwerpunkt.

Merkte es jemand, dass ich diese Songs systematisch bei jeder Party ausprobiert habe? Ich vermute nicht.

Zwei bekannte Test-Beispiele

Bei zwei Songs war es für mich im Jahr 2010 ganz offensichtlich, dass sie getestet und verfeinert wurden.

 

Roger Sanchez – 2Gether

Die allererste Fassung hörte ich in der Release Yourself Radio Show 416 von Roger Sanchez. Das war am 8. Oktober 2009. Die erste Fassung baute noch deutlich mehr auf dem Vocal-Sample der B52's auf.

Duck Sauce – Barbra Streisand

Dieser Track ist keine Zufallsprodukt. Hinter Duck Sauce verbergen sich die beiden Musikprofis Armand Van Helden und Alain Macklovitch. Nur wenige Leute scheinen sich daran zu erinnern, dass Macklovitch unter seinem DJ-Namen A-Trak beim Ultra Music Festival (UMF) 2010 in Miami auftrat. Dort spielte er „Barbra Streisand“ also bereits am 29. März 2010. Erst sieben Monate später landete das Produzenten-Duo mit dem Song einen Welt-Erfolg.


(miserabler Ton, aber besseres Bild)

Dies sind nur zwei Belege der Musik-Tests durch DJs. Kennst du weitere Beispiele oder hast du ältere Beweise für den ersten öffentlichen Einsatz der Songs gefunden? Dann immer her damit. Ich erhebe keinerlei Anspruch darauf, dass diese Liste endgültig sein wird.

 

 

Kommentare 

 
+1#1Chris03.03.2017 18:41
Hallöchen, hab mich da auf Deiner Seite eingelesen. Finde ich sehr spannend was Du in Worte fasst. Ich mache vieles schon Intuitiv. Ich gehe sicher schon seit 25 Jahren an Partys und bei diversen DJ gefunden, das müsste doch besser gehen...so habe ich vor rund 12 Jahren auch angefangen und ist mittlerweile ein grosses Hobby. Ich denke mein Bonus ist, dass ich bei der Song Auswahl die Sicht vom Partygänger habe und nicht die vom DJ. Wenn ein Song mir nicht ein lächeln ins Gesicht zaubert mit positiver Energie bestückt ist und das Tanzbein nicht zuckt, dann kommt der auch nicht auf die Playlist, auch wenn er gut tönt. Danke Dir für Deine Zeilen. Grüsse Chris /DJ chriff christoball (aus Basel CH) https://soundcloud.com/chriff-christoball
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0#2DJ Rewerb06.03.2017 22:35
zitiere Chris:
Wenn ein Song mir nicht ein lächeln ins Gesicht zaubert mit positiver Energie bestückt ist und das Tanzbein nicht zuckt, dann kommt der auch nicht auf die Playlist, auch wenn er gut tönt.

Hallo Chris,

deinen Ansatz, die Partygänger im Fokus zu haben, finde ich fast besser als Musik zu testen. Und nach 12 Jahren kannst du bestimmt ganz gut voraussagen, welche Lieder ankommen und welche Lieder floppen.

Bei vielen meiner Lieblingslieder weiß ich, dass ich damit grandios auf der Nase landen würde. Dann lasse ich sie weg oder spiele sie höchstens im Houseschuh Podcast.
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Mein Name ist Thorsten aka DJ Rewerb und diese DJ-Tipps schreibe ich, um dich als DJ auf neue Gedanken zu bringen. Nach 24 Jahren hinter dem Mischpult weiß ich, dass DJing sehr viel mehr ist als Lieder in einer Disco aufzulegen.

DJing ist eine Lebenseinstellung, die viele Bereiche streift: vom Club-Leben und Technik, über Psychologie bis zu Finanzen und Marketing. Darum geht es abwechselnd in den DJ-Tipps. Mehr über mich findest du im Backstage-Bereich ...

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